
Mercosur – der Deal dahinter
„Das EU-Mercosur-Abkommen wird häufig als Abkommen mit starken Vorteilen für europäische Industrieexporte beschrieben, während sensible Agrarbereiche – darunter Rindfleisch – über zollbegünstigte Kontingente geöffnet werden.”
Was bekommt Europa – und was geben wir her?
Seit 1999 verhandelt die EU mit den Mercosur-4-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay über ein umfassendes Handelsabkommen. Die EU erhält verbesserte Marktzugänge unter anderem für Industrieprodukte, Fahrzeuge, pharmazeutische Produkte, Kosmetik, Getränke und Dienstleistungen. Im Gegenzug gewährt die EU für bestimmte sensible Agrarprodukte zollbegünstigte Importkontingente – darunter Rindfleisch.
Konkret sieht das Abkommen laut Europäischer Kommission eine zollbegünstigte Rindfleischquote von 99.000 Tonnen pro Jahr vor. Davon entfallen 55 % auf Frisch- bzw. Kühlware und 45 % auf Tiefkühlware. Der Zollsatz innerhalb dieses Kontingents beträgt 7,5 %. Die Quote wird schrittweise eingeführt; die genaue Staffelung sollte anhand der offiziellen EU-Unterlagen angegeben werden.¹
Bereits heute importiert die EU erhebliche Mengen Rindfleisch aus Mercosur-Staaten. Laut Europäischer Kommission lagen die EU-Importe aus Mercosur im Jahr 2024 bei rund 206.000 Tonnen. Das neue Kontingent würde diese bestehende Importbeziehung um zusätzliche zollbegünstigte Mengen ergänzen.¹
Auswirkungen auf den Rindfleischmarkt
Rindfleisch gilt im Abkommen als sensibles Produkt. Zusätzliche Mengen können insbesondere in wertstärkeren Teilstücksegmenten relevant werden. Mehr Angebot bei stagnierender oder rückläufiger Nachfrage kann den Wettbewerbs- und Preisdruck erhöhen.
Frisch- und Kühlware kann in Handel und Gastronomie mit österreichischem Qualitäts- und Premiumrindfleisch konkurrieren. Für Konsument:innen könnte dadurch der Anteil importierter Ware in bestimmten Absatzkanälen steigen. Für österreichische Betriebe kann zusätzlicher Preisdruck problematisch werden, insbesondere wenn sie bereits mit hohen Produktions-, Arbeits- und Auflagenkosten wirtschaften.
Produktionskosten und -standards
In Österreich gelten EU- und nationale Vorgaben zu Umwelt, Tiergesundheit, Tierwohl, Arbeitsschutz, Lebensmittelkontrolle und Rückverfolgbarkeit. Einzelne Anforderungen unterscheiden sich von jenen in Mercosur-Staaten. Diese Unterschiede sollten nach Land und Produktionsbereich konkret betrachtet werden.
Während Antibiotika als Wachstumsförderer in der EU seit 2006 verboten sind, unterscheiden sich Regelungen und Kontrollen in Mercosur-Staaten je nach Land. Auch bei Pestizidwirkstoffen und Rückverfolgbarkeitssystemen bestehen Unterschiede, die anhand aktueller Quellen konkret dargestellt werden sollten.²
Rinderhaltung und damit verbundene Landnutzungsänderungen werden in Teilen Südamerikas als bedeutender Entwaldungsfaktor diskutiert, etwa im Amazonasgebiet, im Cerrado und im Chaco. Studien und Folgenabschätzungen diskutieren, ob zusätzliche Handelsanreize Entwaldungsrisiken erhöhen können. Die jeweiligen Annahmen und Ergebnisse sollten dabei konkret angegeben werden.⁷
Demgegenüber ist die österreichische Rinderhaltung stark von kleineren und familiengeführten Betrieben geprägt. Zusätzlicher Preisdruck kann daher auch Auswirkungen auf regionale Wertschöpfung und Versorgungsstrukturen haben.⁶
Gedankenexperiment
Stell dir vor, der Anteil importierten Rindfleischs im Regal nimmt zu.
Was könnte das für den heimischen Rindfleischmarkt bedeuten?
Ein höherer Importanteil kann die Sichtbarkeit heimischer Herkunft im Handel und in der Gastronomie verändern. Trifft zusätzliches Angebot auf eine stagnierende oder rückläufige Nachfrage, kann der Wettbewerbs- und Preisdruck auf heimische Produzent:innen steigen.
Für wirtschaftlich ohnehin belastete Betriebe kann zusätzlicher Preisdruck eine Herausforderung darstellen.
Was kannst DU konkret tun?
1. Frag nach:
„Woher kommt das Rindfleisch?“ – Im Handel und in der Gastronomie kann die Herkunft eine wichtige Orientierung bieten.
2. Wähle unterschiedliche Teilstücke:
Nicht nur Filet oder Steak – auch andere Teilstücke können dazu beitragen, ein Tier möglichst vollständig zu verwerten.
3. Informiere dich:
Informiere dich vor dem Restaurantbesuch, ob Herkunft, Qualitätssiegel oder regionale Programme transparent angegeben werden und welche überprüfbaren Kriterien dahinterstehen.
Täglich schließen in Österreich rund drei Rinderbetriebe ihre Stalltüren für immer. Warum das so ist, erfährst du per Klick hier.
Wie wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Druck krank macht – Studienergebnisse belegen: Landwirt:innen sind am Limit. Mehr dazu per Klick hier.
¹ Europäische Kommission: EU-Mercosur Agreement / Factsheet zum Abkommen und Rindfleischkontingent.
² Europäische Kommission / zuständige veterinärrechtliche Quellen zu Antibiotika und Produktionsstandards.
³ Europäische Kommission: Origin Labelling of Meat.
⁴ Europäische Kommission: EU Beef Market & Food Service Channels.
⁵ FAO: Transparency in Food Supply Chains.
⁶ BMLRT / Statistik Austria: Struktur der österreichischen Rinderhaltung.
⁷ Institut de l’Élevage (IDELE) / Greens-EFA: Environmental Impacts of the EU-Mercosur Agreement.

























