
Mercosur – der Deal dahinter
„Das EU-Mercosur-Abkommen ist ein Industrie-Deal, bei dem Europa seine Agrarmärkte öffnet – mit spürbaren Folgen für die österreichische Rindfleischproduktion.”
Was bekommt Europa – und was geben wir her?
Seit 1999 verhandelt die EU mit den Mercosur-Staaten – Mercosur (Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay) – über ein umfassendes Handelsabkommen. Der Kern des Deals ist klar: Europa öffnet Agrarmärkte, Mercosur öffnet Industriemärkte.
Die EU erhält verbesserte Marktzugänge etwa für den Automobilsektor, die Pharmaindustrie, Kosmetik, Alkohol und weitere Industriegüter sowie Dienstleistungen. Im Gegenzug werden sensible Agrarbereiche geöffnet – darunter Rindfleisch.
Konkret geht es um eine zollbegünstigte Quote von 99.000 Tonnen Rindfleisch pro Jahr, schrittweise eingeführt über fünf Jahre. 45 % davon als Tiefkühlware, 55 % als Frischware. Der Zollsatz beträgt 7,5 %.
Zum Vergleich: Der Selbstversorgungsgrad der EU bei Rindfleisch liegt bei rund 107 %. Bereits jetzt stammen rund 70–75 % der EU-Rindfleischimporte (ca. 200.000 t jährlich) aus den Mercosur-Staaten – allen voran Brasilien. Das Abkommen verstärkt somit eine bestehende Marktposition.
Auto statt Steak! – Konkrete Auswirkungen auf den Rindfleischmarkt
Rindfleisch gilt im Abkommen offiziell als „sensitives Produkt“. Dennoch kommen zusätzliche Mengen – insbesondere hochwertige Edelteile – auf den europäischen Markt.
Gerade diese Teile sind für die Wirtschaftlichkeit entscheidend: Lende und andere Premium-Teilstücke machen rund 17,2 % des Karkassengewichts aus. Wird hier der Preis gedrückt, wirkt sich das auf das gesamte Tier aus. Rechnerisch entspricht die Importquote dem Edelteil-Anteil von rund 1,7 Millionen Rinderschlachtkörpern.
Das Problem: Die zusätzlichen Mengen treffen auf einen stagnierenden bzw. leicht sinkenden EU-Rindfleischkonsum. Mehr Angebot bei gleichbleibender oder rückläufiger Nachfrage bedeutet Verdrängung, nicht Wachstum.
Frisch- und Kühlware konkurriert direkt mit österreichischem Premium-Rindfleisch im Handel und in der Gastronomie. Für Konsument:innen bedeutet das mehr Importware im Regal. Für heimische Betriebe bedeutet es Preisdruck genau dort, wo sich ein Rind wirtschaftlich rechnet – mit Auswirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Produktionskosten und -standards
Österreichische Rinderhaltung produziert unter deutlich höheren Kosten – aber auch unter strengeren Umwelt-, Tierwohl- und Sozialstandards.
In vielen Mercosur-Ländern gelten niedrigere Standards:
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Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die in der EU verboten sind (über 500 zugelassene Pestizide, rund 150 davon in der EU untersagt)
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Antibiotika als Leistungs- und Wachstumsförderer erlaubt (in der EU verboten)
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Keine durchgängige Rückverfolgbarkeit entlang der Produktionskette (Ausnahme: Uruguay)
Fehlende Dokumentations- und Kontrollauflagen reduzieren Produktionskosten. Gleichzeitig ist der Ausbau der Rindfleischproduktion ein zentraler Treiber von Entwaldung in Regionen wie Amazonas, Cerrado, Chaco und Pantanal. Studien gehen davon aus, dass das Abkommen zusätzliche Entwaldungsflächen im erheblichen Ausmaß begünstigen könnte.
Dem gegenüber steht eine österreichische Struktur aus familiengeführten Betrieben, stark mit Grünlandnutzung verknüpft und nur begrenzt skalierbar. Der Wettbewerb trifft daher keine anonyme Industrie, sondern eine kleinteilige Versorgungsstruktur mit regionaler Wirkung.
Täglich schließen in Österreich rund drei Rinderbetriebe ihre Stalltüren für immer. Warum das so ist, erfährst du per Klick hier.
Wie wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Druck krank macht – Studienergebnisse belegen: Landwirt:innen sind am Limit. Mehr dazu per Klick hier.
- ARGE Rind
- Europäische Kommission: Origin Labelling of Meat
- Europäische Kommission: EU Beef Market & Food Service Channels
- FAO: Transparency in Food Supply Chains
- OECD: Consumer Behaviour and Food Markets
- BMLRT / Statistik Austria – Struktur der österreichischen Rinderhaltung
- Institut de l’Élevage (IDELE) / Greens-EFA – Environmental Impacts of the EU-Mercosur Agreement;













